Sudetendeutsche – unvergessene Heimat

Der Name „Sudetendeutsche“ setzte sich als Ausdruck einer wachsenden gemeinsamen Identität der deutschen Bevölkerung der ČSR durch. Erst der Nationalismus der zweiten Hälfte des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hatte die Konflikte zwischen den Volksgruppen verschärft; vorher spielten nationale Gegensätze in den Auseinandersetzungen kaum eine Rolle.

Als Minderheit – auf die gesamte ČSR gesehen – und unter dem Druck der tschechischen Politik bildete unter den Sudetendeutschen vor allem die als „gute Zeit“ empfundene Epoche in der Habsburgermonarchie eine starke Erinnerung. Eine intensive Volks- und Brauchtumspflege hielt Traditionen und Geschichte wach.

Bis heute hat sich innerhalb der sudetendeutschen Verbände eine reichhaltige Erinnerungskultur erhalten. Diese zeichnet sich durch vielfältige Bestrebungen aus, Traditionen weiter zu pflegen und die Erinnerung an die alte Heimat wach zu halten – nicht nur in Liedern wie dem Böhmerwaldlied oder „Auf d’Wulda, auf d’Wulda / scheint d’Sunna so gulda“, sondern auch durch den eigenen Dialekt der einzelnen Heimatregionen. In Freistadt erinnert das Denkmal beim Böhmertor, das an der ehemaligen Salzstraße Richtung Böhmen liegt, an die Vertreibung der Sudentendeutschen.

„Seid aber zueinander gütig, mitleidig, und vergebt einander, so wie auch Gott in Christus euch vergeben hat!“

Die Bibel Epheserbrief 4, 32

Sudetendeutsche – Familie

Die Stahlplatte von Alfons Bachmann zeigt eine heimatvertriebene Familie auf der Flucht – ein Bild, das für viele Exulanten und Vertriebene, um die es in dieser Ausstellung geht, stehen kann.

Die dreiköpfige Kernfamilie, wie sie die Stahlplatte zeigt, ist historisch gesehen, ein Modell, das frühestens im späten 18. Jahrhundert zu finden ist. Vorher war die Familie das „Ganze Haus“, zu dem neben den Eltern, den Kindern und den Verwandten auch die Angestellten in bäuerlichen oder handwerklichen Haushalten gehörten. Wohnung und Arbeitsstätte, „privat“ und „öffentlich“ waren im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit nicht getrennt und so ist auch die als „traditionell“ geltende Arbeitsteilung nicht bekannt: Betriebsführung, Aufsicht über die Angestellten und Kindererziehung lagen in den Händen von Mann und Frau.

In geistlicher Hinsicht bedeutete die Reformation einen Durchbruch für die Position der Frau. Zwar stellte auch Martin Luther die gesellschaftliche Ordnung, in der es klare Grenzen für die Stände und die Geschlechter gab, nicht infrage. Doch das von den Reformatoren gepredigte Priestertum aller Gläubigen öffnete die Tür für mehr geistlich-gesellschaftliche Mitsprache von Frauen. Galt vorher das klösterliche Leben als höchste Form des gottgefälligen Lebens, so waren nun Zölibat und Jungfernschaft nicht mehr höher angesehen als die Ehe. Vor allem Bürgerinnen und Adelige sprachen in geistlichen Diskussionen mit und predigten das Evangelium. Vor Gott waren Mann und Frau, Bauer und Adeliger gleich – alle waren „Miterben der Gnade“.

„Alles, was der Vater mir gibt, wird zu mir kommen, und wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.“

Die Bibel Johannes 6, 37

Sudetendeutsche – Freistadt als Durchgangsstation

Sowohl für Sudetendeutsche und Kriegsgefangene, aber auch für vor allem freikirchliche Christen aus dem Osten wurden Freistadt und das Mühlviertel im letzten Kriegsjahr und danach zu einem Ort der kurzzeitigen Aufnahme, zu einer Durchgangsstation auf dem Weg in den Westen. Spätestens seit Herbst 1944 kamen viele Flüchtlinge ins Mühlviertel, das als Luftschutzkeller des Reiches galt. Die zunächst durch private Unterkünfte, dann durch Schulen geregelte Aufnahme reichte bald nicht mehr aus und Lager wurden errichtet. In Freistadt gab es neun Flüchtlingslager; das größte war das Lager Friedhofberg, das für 4.000 Flüchtlinge geplant war. Insgesamt dürften sich 1945 wohl dauerhaft zwischen 8.000 und 12.000 Flüchtlinge und Vertriebene in Freistadt aufgehalten haben.

Eine ganz wesentliche Gruppe, die seit 1945 im Mühlviertel eine neue Heimat fand, waren die Sudetendeutschen. Nachdem im Mai 1945 die tschechoslowakische Exilregierung unter Edvard Beneš nach Prag zurückgekehrt war und am 1. Juni 1945 tschechoslowakische Truppen das Sudetenland besetzt hatten, zogen Ströme von Flüchtlingen nach Oberösterreich und damit auch nach Freistadt, das zu der Zeit von den Sowjets besetzt war. Diese Auswanderungen waren eigentlich „illegal“, da Österreich keine Flüchtlinge aus Tschechien aufnehmen wollte; Aufnahmeland sollte Deutschland sein. Doch gerade aus den grenznahen Gebieten wurden die Bewohner gleich nach der Besetzung nach Österreich vertrieben.

Offene, ungesicherte Grenzen und fehlender Grenzschutz erleichterten nicht nur die Flucht ins Mühlviertel, sondern sorgten auch für Unsicherheit und Willkür und luden zu Plünderungen und Übergriffen ein. Der Gendarmerieposten in Leopoldschlag berichtet im November 1945 von tschechischen Finanzbeamten, die bei Einwohnern von Wullowitz Hausdurchsuchungen durchführen wollten, um nach dem Besitz von angeblich dorthin geflüchteten Sudetendeutschen zu suchen. Weitere Berichte erzählen von gewaltsamen Vertreibungen von Deutschen jenseits der tschechischen Grenze, aber auch von heimlicher Unterbringung und Fluchthilfe.

Von Seiten der sowjetischen Besatzung versuchte man, die Flüchtlingsströme zu verhindern. Mit Erlass vom 5. Juni 1945 befahl der sowjetische Major Geworkijan, alle Kriegsgefangenen und Zivilpersonen der Sowjetunion und ihrer Verbündeten müssten zu ihren alten Wohnorten zurückkehren. Kurze Zeit später wiederum wurde angeordnet, dass alle Einwohner und Evakuierten, die nach dem Jahr 1938 nach Freistadt gekommen waren und keiner Arbeit nachingen, innerhalb der nächsten drei Tage den Bezirk verlassen sollten. Die Betroffenen wurden in Gruppen von 20 bis 30 Personen zusammengestellt und an den Sammelpunkten Melk, Krems oder Langschlag gesammelt. Einer Liste vom 21. November 1945 zufolge entfielen von insgesamt 7.012 Flüchtlingen im Mühlviertel 1.700 auf Freistadt. In Grub (zwischen Freistadt und Lasberg) wurde ein Lager für 16.000 Personen errichtet.

Schon während des 1. Weltkriegs, von 1914 bis 1918, prägte ein großes Lager für Kriegsgefangene aus der Ukraine und aus Russland sowie für Juden Freistadt. 1915 dürften sich hier 13.000 Personen befunden haben. Das Lager war eine Attraktion für die Freistädter, die auf dem Bahnhofsweg durch das Lager gehen konnten; der Weg war tagsüber für die Bevölkerung offen. Eine Quelle besagt, dass die einheimische Bevölkerung verwundert gewesen sei, dass es sich bei den Lagerinsassen um „durchwegs große und kräftige Soldaten im besten Mannesalter“ handelte.

„Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch; nicht einen Frieden, wie die Welt ihn gibt, gebe ich euch. Euer Herz beunruhige sich nicht und verzage nicht.“

Die Bibel Johannes 14, 27