Protestanten: Emanzipation und Konfrontation

Im Osten der habsburgischen Erblande fanden die reformatorischen Ideen viele Anhänger, so dass weite Teile des Landes in Inner-, Ober- und Niederösterreich in lutherischer oder reformierter Hand waren. Wichtige Multiplikatoren der Reformation waren die Adeligen und die Städte, die in ihren Herrschaftsgebieten Patronatsrechte besaßen und somit die Einsetzung von Pfarrern bestimmen konnten. Somit sorgte die Reformation nicht nur für geistlich-soziale Aufbrüche, sondern sie wirkte sich auch auf die politischen Strukturen aus – es bildete sich eine starke Opposition zum weiterhin katholischen Landesfürsten und seinen Institutionen. Doch auch im wirtschaftlichen Bereich brachte die Reformation Gewinn, denn die Einsetzung von nicht-katholischen Pfarrern bedeutete für die Adeligen und die Städte, sämtliche geistliche Gebühren wie Stolgebühren selbst einstreichen zu können. Zwar forderten landesfürstliche Mandate immer wieder, die nicht-katholischen Pfarrer des Landes zu verweisen, doch zeigten die Mandate wenig Nachhaltigkeit. Oberösterreichische Adelige wie Christoph Jörger oder Bartholomäus von Starhemberg waren zentrale Figuren der Reformation.

Nicht nur im Fall der Patronatsrechte, sondern auch auf den Landtagen wurde die Reformation sehr schnell eine politische Angelegenheit. Zentrale Diskussionen, die auf den Landtagen abliefen, betrafen die Türkengefahr, die sich zu einem Katalysator für die Durchsetzung der Reformation erwies. Da die habsburgischen Landesfürsten in der Türkenabwehr auf die Hilfe der meist lutherischen Stände angewiesen waren, konnten die Stände Konzessionen in geistlichen Dingen heraushandeln.

„Weil Gott so gnädig ist, rettet er euch durch den Glauben. Und das ist nicht euer eigener Verdienst; es ist ein Geschenk Gottes. Ihr werdet also nicht aufgrund eurer guten Taten gerettet, damit sich niemand etwas darauf einbilden kann.“

Die Bibel Epheserbrief 2, 8.9

Protestanten - Aufnahme und Akzeptanz

„Gehe aus deinem Vaterlande und von deiner Freundschaft in ein Land, das ich dir zeigen will.“ Mit diesem Verweis auf 1. Mose 12, 1, erinnerte die evangelische Kirche in Neppendorf 1835 an das 100jährige Jubiläum der Emigration oberösterreichischer Protestanten nach Siebenbürgen.

Die Katholisierung setzte in den habsburgischen Erblanden und damit auch in Oberösterreich unter Kaiser Rudolf II. ein. In Freistadt beispielsweise forderte eine von den landesfürstlichen Obrigkeiten eingesetzte Kommission schon sehr früh, 1597, die Absetzung der protestantischen Prediger und die Einführung des katholischen Kultus. Der Rat der Stadt musste eine entsprechende Verpflichtung unterschreiben. Allerdings konnten konkreten katholisierenden Maßnahmen bis zur Mitte der 1620er Jahre noch nicht vollständig durchgeführt werden; so konnten sich protestantische Institutionen wie die oberösterreichische Landschaftsschule halten. Ein landesfürstliches Patent vom Oktober 1624 forderte dann jedoch, dass alle protestantischen Prediger und Schulmeister das Land verlassen sollten und ein Patent vom April 1627 schrieb allen protestantischen Adeligen vor, zum Katholizismus zu konvertieren.

Der deutlich spürbare Druck der Katholisierungsbemühungen der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts führte zu zahlreichen Vertreibungen. Vor allem der Bauernkrieg von 1626 brachte noch einmal einen Schub an protestantischen Exulanten [religiös motivierte Auswanderer], die ihre oberösterreichische beziehungsweise Mühlvierteler Heimat verließen. Die wichtigsten Aufnahmegebiete für die aus Österreich vertriebenen Protestanten waren die süddeutschen Reichsstädte Regensburg, Nürnberg und Augsburg. Interessanterweise zog es die oberösterreichischen Exulanten eher nach Regensburg, während Exulanten aus Innerösterreich bevorzugt nach Nürnberg gingen. Die meisten der oberösterreichischen Exulanten kamen aus dem Mühlviertel.

Die Emigration und ihre Vorgeschichte waren verbunden mit Druck und Zwang. Zunächst waren die Protestanten dem Druck der katholischen Kirche ausgesetzt, die seit den 1620er Jahren auf Einhaltung ihres Ritus drängte – der Besuch der Messen, die Einhaltung von Festtagen, das Vorzeigen von Beichtzetteln und die Teilnahme an Prozessionen wurden vorgeschrieben. Seit Anfang der 1620er Jahre wanderte zunächst das Besitzbürgertum der Städte aus, dann folgten die Angehörigen der übrigen urbanen Schichten. Für den Adel im Land ob der Enns wurde 1627 eine Frist bis April 1628 vereinbart, um die Güter verkaufen und auswandern zu können. Harte persönliche Schicksale verbinden sich mit der Emigration. Überliefert ist beispielsweise der Fall der Familie des Schneiders Krautberger aus Freistadt. Der Vater, Thomas Krautberger, starb während der Emigration, die Mutter, Regina, zog mit ihren 12 Kindern weiter Richtung Illesheim (Bad Windsheim, Franken) und starb dort 1663 selbst entkräftet nach einigen Wochen.

Hilfe erhielten die österreichischen Protestanten vor allem von den evangelischen Ständen und Territorien im Alten Reich, die sich über das „Corpus Evangelicorum“ auf dem Reichstag für sie einsetzten und Bittgesuche an den Kaiser sandten. Sie loteten auch aus, in welchen Gebieten die Vertriebenen neue Siedlungsmöglichkeiten finden könnten. Obwohl die Obrigkeiten versuchten, die von den Emigranten zurückgelassenen Güter mit katholischen Untertanen zu besetzen, bedeutete die Vertreibung der Evangelischen für viele Regionen einen wirtschaftlichen Aderlass. Allerdings offenbaren die Quellen auch immer wieder Fälle von Ausgewanderten, die ihren Besitz in der alten Heimat entgegen den offiziellen Bestimmungen erst nach mehreren Jahren verkauften, wie beispielsweise Lamprecht Kreuzer aus Freistadt, der seit 1627 Bürger in Regensburg war, sein Freistädter Haus jedoch erst 1634 verkaufte.

Die Geschichte von Katholisierung und Vertreibung ist allerdings nicht nur schwarz-weiß, sondern sie hat auch ihre Nuancen, die Versöhnung und Annäherung zeigen. Ein Beispiel sind die Mischehen, in denen katholisch-protestantisches Leben möglich war. So etwa im Fall der Familie Fragner aus Grünbach bei Freistadt. Der Vater war in zweiter Ehe verheiratet und katholisch und blieb mit seiner Frau im Mühlviertel. Zwei Kinder aus erster Ehe wanderten dagegen mit der noch nicht erwachsenen Stiefschwester in das Dekanat Feuchtwangen aus, wo sie offenbar zunächst katholisch blieben. Allerdings heirateten die Schwestern dann evangelische Männer. Vor dem Hintergrund der gemischten Ehen zeigte sich eine große Offenheit dem jeweils anderen Ritus gegenüber. So ist beispielsweise überliefert, dass Katholiken das Abendmahl nach evangelischem Ritus einnahmen.

Nicht alle Protestanten verließen ihre Heimat in den Habsburgischen Ländern, sondern einige von ihnen blieben und lebten ihren evangelischen Glauben unter einer äußeren katholischen „Schale“. Der Geheim- oder Kryptoprotestantismus ist ein typisch österreichisches Phänomen, zu dem Hausandachten und heimliche Abendmahlsfeiern ebenso gehörten wie das „Auslaufen“ in benachbarte evangelische Gemeinden, um Taufen oder Hochzeiten durchzuführen. Dabei waren die Kontakte in die verschiedenen protestantischen Regionen des Alten Reichs entscheidend, um die Kryptoprotestanten mit Andachtsbüchern, Postillen, Liederbüchern und Bibeln zu versorgen. Neuere Forschungen zeigen, dass das Miteinander der verschiedenen Konfessionen auf lokaler Ebene häufig sehr gut funktionierte und der Glauben der Evangelischen meist nicht so „geheim“ war wie früher angenommen. Erst wenn die Obrigkeiten in den Evangelischen eine Gefahr für die gesellschaftliche Ordnung sahen und der Glauben auf die politische Ebene gehoben wurde, brachen neuerliche Verfolgungen aus, wie in Oberösterreich, in Kärnten und in der Steiermark unter Karl VI. (1685-1740) und Maria Theresia (1717-1780) oder auch in Salzburg im Jahr 1731.

Protestanten – Frankenburger Würfelspiel

Das Frankenburger Würfelspiel war eine Episode eines regional begrenzten, jedoch nicht unbedeutenden Bauernaufstands der Jahre 1625 und 1626 – eingebettet in die kriegerischen Ereignisse des ersten Jahrzehnts des Dreißigjährigen Krieges, in dem der Kampf um säkulare und geistliche Macht zu blutigen Auseinandersetzungen führte. Den ereignisgeschichtlichen Hintergrund liefert die Entscheidung der oberösterreichischen Landstände, die vom Protestanten Georg Erasmus Tschernembel angeführt wurden, sich nicht den (katholischen) landesfürstlichen Truppen, sondern den (protestantischen) Aufständischen in Böhmen anzuschließen. Damit hatten sie eine eindeutige konfessionelle Entscheidung getroffen, die vom Landesfürsten, Kaiser Ferdinand II., insofern sanktioniert wurde, als er Oberösterreich dem Bayerischen Herzog als Dank für militärische Dienste verpfändete.

Bayern setzte den steirischen Adeligen und Konvertiten Adam von Herberstorff als Statthalter ein; von Herberstorff hatte in Diensten Pfalz-Neuburgs und Bayerns Karriere gemacht und bereits bei der Rekatholisierung der Stadt Neuburg d. Donau und des Herzogtums Pfalz-Neuburg aktiv mitgewirkt. Ab 1624 setzte auch in Oberösterreich eine verstärkte Rekatholisierung ein, die Ferdinand II. initiiert hatte und die von Adam von Herberstorff durchgeführt wurde. Auf Seiten der protestantischen Bevölkerung regte sich massiver Widerstand, der sich auch in gewaltsamen Aktionen ausdrückte.

Unter ihrem Anführer Stephan Fadinger versuchten die Bauern, der bayerisch-kaiserlichen Macht ihre Anliegen entgegen zu setzen. Unter anderem wurde Freistadt im Mai 1626 über einen Monat lang belagert und dann auch erobert. Bis Herbst 1626 brach der Aufstand jedoch zusammen, viele Anführer und Kämpfer wurden zum Tode verurteilt, der konfessionelle Widerstand war gebrochen. An dem Platz, wo die Leiche von Stepan Fadinger verscharrt wurde, errichteten die Obrigkeiten einen Galgen, der abschrecken und vor Nachahmung warnen sollte.

Das Frankenburger Würfelspiel ist Schlusspunkt eines Aufstands im Jahr 1625 in der Grafschaft Frankenburg. Als in diesem Jahr in der eigentlich protestantischen Pfarrei Frankenburg ein katholischer Pfarrer eingesetzt werden sollte, kam es zu gewaltsamem Widerstand in der Bevölkerung. Die Bürger und Bauern belagerten die Pflegschaft im Schloss Frankenburg und verjagten den Pfarrer, gaben jedoch schlussendlich auf, nachdem der von Bayern eingesetzte Statthalter Adam von Herberstorff versprochen hatte, Gnade walten zu lassen. Die „Gnade“ entpuppte sich allerdings als Gerichtsverfahren, zu dem Herberstorff alle männlichen Bewohner der Grafschaft Frankenburg auf dem Haushamerfeld, das zwischen Frankenburg und Vöcklamarkt lag, versammelte. Nachdem über 36 Anführer des Aufstandes das Todesurteil gesprochen war, ließ Herberstorff die zum Tode Verurteilten um ihr Leben würfeln. Die Hälfte wurde begnadigt, 17 Aufständische wurden gehängt. Die als Begnadigung gedachte Würfel-Aktion zeigte keine beruhigende Wirkung auf die Bevölkerung, sondern sorgte für eine Verstärkung der Aufstandsbewegung in Oberösterreich. So kam es beispielsweise im Mühlviertel unter dem mystisch inspirierten und endzeitlich ausgerichteten Prediger Martin Laimbauer (Aichinger) zu Unruhen, die mit der Hinrichtung von Laimbauer und weiteren Aufständischen auf dem Hauptplatz in Linz im Juni 1636 endeten.

„Denn Gott hat die Menschen so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn für sie hingab. Jeder, der an ihn glaubt, wird nicht zugrunde gehen, sondern das ewige Leben haben.“

Die Bibel Johannes 3, 16

Protestanten – Ist Toleranz schon Anerkennung?

Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein: sie muss zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen. (Zitat aus dem Nachlass von Johann Wolfgang von Goethe)

Auch in Oberösterreich und im Mühlviertel versuchten Protestanten bis ins 18. Jahrhundert, ihren Glauben trotz Verbots weiterzuleben. Während man äußerlich dem katholischen Kultus folgte und die Messe besuchte, lebte man unter der katholischen Oberfläche seinen protestantischen Glauben. Somit stieg unter dem Einfluss der Aufklärung und der ersten Verfassungen und Menschenrechtserklärungen der Druck, den Evangelischen auch in den Habsburgischen Ländern mehr Rechte zuzugestehen.

Einen ersten Schritt der Anerkennung der Evangelischen brachten die Toleranzpatente von Joseph II. aus dem Jahr 1781. Doch obwohl Lutheraner und Reformierte nun offiziell Gemeinden gründen durften, bedeuteten die „Toleranzpatente“ noch nicht die vollständige Gleichstellung mit katholischen Untertanen. So durften beispielsweise die protestantischen Kirchen, die „Toleranzbethäuser“, nicht als solche erkennbar sein: „In Ansehen des Betthauses befehlen Wir ausdrücklich, daß, wo es nicht schon anders ist, solches kein Geläut, keine Glocken, Thürme, und keinen öffentlichen Eingang von der Gasse, so eine Kirche vorstelle, haben.“ Zudem durfte sich eine evangelische Gemeinde nur dann konstituieren, wenn sich in der Gegend mindestens 100 Familien oder 500 Personen zum evangelischen Glauben bekannten. Eine endgültige Anerkennung und Gleichstellung der Protestanten brachte erst das Protestantenpatent vom April 1861.

„Nicht alle Menschen, die sich fromm gebärden, glauben an Gott. Auch wenn sie ‚Herr‘ zu mir sagen, heißt das noch lange nicht, dass sie ins Himmelreich kommen. Entscheidend ist, ob sie meinem Vater im Himmel gehorchen.“

Die Bibel Matthäus 7, 21